Larissa Mößmer, Regulatory Lawyer, Osborne Clarke
4 min Lesezeit

Wie ist die aktuelle Lage der Branche für medizinisches Cannabis und für Freizeit-Cannabis in Deutschland, und was ist nach den Wahlen im Februar 2025 zu erwarten?
Aktueller Stand der deutschen Cannabisbranche und Ausblick nach den Wahlen 2025
Die deutsche Cannabisbranche befindet sich nach der Einführung des Cannabisgesetzes (CanG) im April 2024 in einem bedeutenden Wandel. Diese Teilgesetzgebung brachte erhebliche Fortschritte sowohl im medizinischen als auch im Freizeit-Cannabisbereich und legte den Grundstein für anhaltendes Wachstum und neue Herausforderungen.
Aktueller Stand der Branche für medizinisches Cannabis
Mit der Verabschiedung des CanG und des damit verbundenen Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG) hat der deutsche Markt für medizinisches Cannabis ein bemerkenswertes Wachstum erfahren, getragen von regulatorischen Verbesserungen und einem besseren Patientenzugang.
Die Neueinstufung von Cannabis als nicht mehr dem Betäubungsmittelrecht unterliegend hat seine Akzeptanz als therapeutische Option bei Angehörigen der Gesundheitsberufe und Patienten gestärkt, das Verschreibungsverfahren vereinfacht und die Zugänglichkeit verbessert. Infolgedessen sind die Verschreibungen von medizinischem Cannabis in Deutschland deutlich gestiegen.
Der Umsatz mit medizinischem Cannabis wurde 2024 auf 450 Mio. € geschätzt, für 2025 wird eine weitere Expansion erwartet. Die Importe sind rasant gewachsen, im vergangenen Jahr wurden rund 40 Tonnen eingeführt. Der Wegfall des Ausschreibungsverfahrens für inländische Anbaulizenzen hat den Markt für den Wettbewerb geöffnet und den Weg für eine höhere heimische Produktion und eine geringere Importabhängigkeit bereitet.
Die Telemedizin war ein zentraler Treiber dieses Wachstums und hat Patienten einen leichteren Zugang zu Therapien mit medizinischem Cannabis verschafft. Neben allen Vorteilen für Patienten hat diese digitale Entwicklung jedoch auch Kritik hervorgerufen, da befürchtet wird, dass einige Anbieter zu viel verschreiben und Patienten unzureichend prüfen.
Während die Nachfrage nach medizinischem Cannabis wächst, bleiben Kostenbarrieren eine Herausforderung, da nur sehr wenige Therapien von den Krankenkassen erstattet werden. Im Oktober 2024 führte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) eine neue Erstattungsregelung ein, nach der Ärzte bestimmter Fachrichtungen oder mit bestimmten Qualifikationen medizinisches Cannabis ohne vorherige Genehmigung der Krankenkasse zulasten der Kasse verschreiben dürfen. Dies ist zwar ein Schritt nach vorn, doch die Erstattungsprobleme bestehen fort.
** Aktueller Stand der Branche für Freizeit-Cannabis**
Der Markt für Freizeit-Cannabis befindet sich weiterhin in einem frühen Stadium und muss sich durch regulatorische Komplexität und politische Unsicherheit bewegen.
Das Konsumcannabisgesetz (KCanG) hat Cannabis für Erwachsene teilweise legalisiert und erlaubt den privaten Eigenanbau innerhalb bestimmter Grenzen sowie den gemeinschaftlichen Anbau über nicht gewerbliche Anbauvereinigungen (Cannabis-Clubs).
Die Einführung der Cannabis-Clubs ist jedoch auf erhebliche Herausforderungen gestoßen. Bürokratische Hürden und uneinheitliche Regelungen in den Bundesländern haben die Genehmigungsverfahren verzögert. Bislang wurden 444 Anträge auf Lizenzen für Cannabis-Clubs gestellt, davon 83 Lizenzen erteilt, 12 abgelehnt und 349 noch in Prüfung. Trotz dieser Verzögerungen haben die ersten lizenzierten Clubs begonnen, ihre Ernten an Mitglieder abzugeben, ein Zeichen des Fortschritts.
Der ursprüngliche Plan der Regierung für die Gesetzgebung der Säule 2, die regional begrenzte Pilotprojekte mit lizenzierten Verkaufsstellen für Freizeit-Cannabis vorsehen sollte, wurde noch nicht umgesetzt.
Allerdings erlaubt § 2 Abs. 4 KCanG wissenschaftliche Forschungsprojekte zur Erprobung der kontrollierten Abgabe von Freizeit-Cannabis. Diese Modellprojekte sollen Daten zu den gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen der regulierten Cannabisabgabe sammeln und die Grundlage für ein sicheres und verantwortungsvolles Versorgungssystem legen. Städte wie Berlin, Frankfurt und Hannover haben bereits Pläne für solche Projekte in Zusammenarbeit mit Universitäten und Unternehmen angekündigt.
** Ausblick nach den Wahlen im Februar 2025**
Mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen im Februar 2025 ist klar, dass die politische Landschaft eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft der Cannabislegalisierung in Deutschland spielen wird.
Die politischen Parteien vertreten sehr unterschiedliche Positionen; die konservative CDU/CSU, die derzeit in den Umfragen führt, lehnt die Legalisierung ab und plädiert für eine Aufhebung des CanG.
Obwohl solche Rhetorik Besorgnis ausgelöst hat, ist eine vollständige Rücknahme der Cannabislegalisierung unwahrscheinlich. Theoretisch können Gesetze in Gesetzgebungsverfahren unter Beteiligung von Bundestag und Bundesrat aufgehoben oder geändert werden. Bestehende Lizenzen für Cannabis-Clubs sind jedoch verwaltungsrechtlich geschützt, und der Rückbau der durch die Legalisierung geschaffenen Infrastruktur wäre politisch und wirtschaftlich nicht praktikabel.
Obwohl die CDU/CSU die Wahl gewonnen hat, wird sie wahrscheinlich eine Koalition mit Parteien bilden müssen, die die Legalisierungsbemühungen unterstützen, sodass ein vollständiger Rückbau unwahrscheinlich ist. Stattdessen erwarte ich eine strengere Regulierung, insbesondere im Freizeitbereich, und die Gesetzgebung der Säule 2 dürfte hinter den Erwartungen zurückbleiben. Der Markt für medizinisches Cannabis, als etablierter und weithin akzeptierter Sektor, dürfte weitgehend unberührt bleiben. Denkbar sind jedoch strengere Kontrollen, insbesondere für Telemedizin-Plattformen, um Bedenken hinsichtlich der Patientenauswahl und der Verschreibungspraxis auszuräumen.
Fazit
Der deutsche Cannabissektor steht beim Eintritt in das Jahr 2025 an einem Wendepunkt. Während der Markt für medizinisches Cannabis gereift ist und weiter wächst, steht der Freizeitbereich vor Herausforderungen durch bürokratische Hürden und regulatorische Komplexität.
Die Wahlen im Februar 2025 werden die künftige Entwicklung der Legalisierungsbemühungen zweifellos prägen, doch bleibe ich optimistisch, dass der bisher erzielte Fortschritt nicht zurückgenommen wird.
Mit dem durch das CanG gelegten Fundament sowie fortlaufenden regulatorischen Nachbesserungen und wissenschaftlicher Forschung haben sowohl der Markt für medizinisches Cannabis als auch der für Freizeit-Cannabis in Deutschland das Potenzial, in den kommenden Jahren zu florieren.
Larissa Mössmer
Rechtsanwältin / Senior Associate
Larissa Mössmerlarissa.moessmer@osborneclarke.com