Zum Inhalt springen

Endocannabinoid-System – Manuel Guzmán Pastor, Professor für Biochemie und Molekularbiologie, UCM

3 min Lesezeit

Manuel Guzmán über das Endocannabinoid-System
Inhaltsverzeichnis

Manuel Guzmán Pastor, Professor für Biochemie und Molekularbiologie, spricht über das Endocannabinoid-System

Das Endocannabinoid-System (ECS) spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulierung verschiedener physiologischer Prozesse im Körper und beeinflusst alles von Stimmung und Gedächtnis bis zu Schmerzempfinden und Immunfunktion. In diesem Artikel beleuchtet Manuel Guzmán Pastor, Professor für Biochemie und Molekularbiologie an der Universidad Complutense de Madrid, die biologische Funktion des ECS, sein therapeutisches Potenzial und die Gründe, warum seine Wirkungen von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfallen können.

Weitere Einblicke in die Cannabisbranche finden Sie in den Neuigkeiten von Agropharm.

Können Sie kurz erklären, welche biologische Funktion das Endocannabinoid-System (ECS) im Körper hat, welche therapeutische Bedeutung es besitzt und wie es sich von Mensch zu Mensch unterscheidet?

Manuel Guzmán Pastor, Professor für Biochemie und Molekularbiologie an der Universidad Complutense de Madrid, erklärt, dass das Endocannabinoid-System (ECS) eine entscheidende Rolle bei der Regulierung verschiedener physiologischer Prozesse im Körper spielt:

Endocannabinoid-System

In den letzten drei Jahrzehnten haben wir ein umfangreiches Wissen über das Endocannabinoid-System (ECS) angesammelt. Die allermeisten dieser Studien wurden jedoch an Mäusen durchgeführt, sodass weiterhin Zweifel bestehen, inwieweit sie sich auf den Menschen übertragen lassen. Die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 kommen nicht nur bei unserer Art vor, sondern bei allen Wirbeltieren und einigen der bislang untersuchten Wirbellosen. Man geht sogar davon aus, dass diese Rezeptoren vor sehr langer Zeit in der Evolution der Tiere entstanden sind, nämlich vor rund 600 Millionen Jahren.

Diese Rezeptoren dienen dazu, die chemische Kommunikation zwischen Neuronen und möglicherweise auch zwischen anderen Zellen des Organismus zu steuern.

Obwohl sie für das Überleben eines Organismus nicht notwendig sind, scheinen sie doch dafür notwendig zu sein, dass dieser Organismus „gut lebt“, das heißt, dass er seine korrekte Funktion aufrechterhält und wiederherstellt, wenn sie bei verschiedenen Krankheiten verloren zu gehen droht. Kurz gesagt scheint das ECS in der Evolution entstanden zu sein, um uns zu helfen, uns zu entspannen, auszuruhen, uns zu ernähren, Traumatisches zu vergessen, unsere Stimmung zu heben (man denke an den Begriff „Anandamid“, also „Glücksamid“, der geprägt wurde, um das erste entdeckte Endocannabinoid zu bezeichnen) und uns ganz allgemein vor Stresssituationen zu schützen.

Cannabis als Medizin

Cannabis wird seit Jahrtausenden in der Medizin eingesetzt. Der klinische Einsatz seiner Wirkstoffe (Cannabinoide) ist heute jedoch eher eingeschränkt. In einigen Ländern (z. B. den Vereinigten Staaten) dürfen THC-Kapseln (Marinol®, Syndros®) oder das synthetische Cannabinoid Nabilon (Cesamet®) verschrieben werden, um bei Krebs- oder Aids-Patienten, die mit Chemotherapeutika behandelt werden, den Appetit anzuregen und Übelkeit und Erbrechen zu hemmen.

In anderen Ländern (z. B. in der Europäischen Union, einschließlich Spanien) kann ein standardisierter pflanzlicher Extrakt mit THC/CBD im Verhältnis 1:1 (Sativex®) zur Behandlung der mit Multipler Sklerose verbundenen Spastik eingesetzt werden, ebenso ein standardisierter, stark CBD-angereicherter pflanzlicher Extrakt (Epidiolex®) zur Behandlung von Krampfanfällen bei einigen pädiatrischen Epilepsiesyndromen. Weitere therapeutische Möglichkeiten der Cannabinoide befinden sich noch in verschiedenen Stadien klinischer Studien. Außerdem haben rund 40 Länder weltweit Abgabeprogramme für medizinisches Cannabis eingeführt, vor allem zur palliativen Behandlung chronischer Schmerzen und zur Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität von Patienten mit stark beeinträchtigenden Erkrankungen.

Variable Cannabinoid-Reaktion

Wie bei anderen Arzneimitteln gibt es interindividuelle Unterschiede in der Reaktion auf Cannabinoide. Zu den Faktoren, die dabei eine Rolle zu spielen scheinen, gehören die unterschiedliche Fähigkeit, Cannabinoide zu metabolisieren, unterschiedliche Konzentrationen und Verteilungsmuster der Cannabinoid-Rezeptoren (z. B. zwischen aktivierenden und hemmenden Neuronen) sowie das Vorliegen genetischer Polymorphismen in den Cannabinoid-Rezeptoren.

Darüber hinaus verändern sich die Konzentrationen der Cannabinoid-Rezeptoren und anderer Elemente des ECS bei zahlreichen Erkrankungen, insbesondere bei solchen, die (a) schwer zu diagnostizieren und zu behandeln sind, (b) mit Komorbidität einhergehen (d. h. mehrere davon treten gleichzeitig beim selben Patienten auf) und (c) durch eine Sensibilisierung des zentralen Nervensystems gekennzeichnet sind.

Beispiele sind Fibromyalgie, Migräne, posttraumatische Belastungsstörung, schwere Depression, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und verschiedene Neuropathien. Es gibt gewisse Hinweise darauf, dass Cannabinoide die mit diesen Erkrankungen verbundenen Symptome zumindest bei einigen Patienten lindern könnten, vielleicht indem sie die „Normalisierung“ einer ihnen innewohnenden biologischen Unteraktivität des ECS ermöglichen. Dieses Konzept eines „klinischen Endocannabinoid-Mangels“ zu belegen, ist eine große Herausforderung für die künftige wissenschaftlich-klinische Forschung zu Cannabinoiden.

Manuel Guzmán Pastor

Professor für Biochemie und Molekularbiologie

Universidad Complutense de Madrid

Newsletter

Bleiben Sie mit Agropharm auf dem Laufenden

Neuigkeiten zu unseren Projekten, zur Regulierung und zur Cannabisbranche. Kein Spam: Abmeldung jederzeit möglich.