Elena Yaneva: Wie kann Hanf von einer nachhaltigen Baualternative zum Branchenstandard werden?
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Was müsste sich in unserem Verständnis des Bauens ändern, damit biobasierte Materialien wie Hanf (derzeit nur etwa 1 % der Dämmstoffe in Europa) nicht länger als Alternative gelten, sondern Teil des Standardmodells für Bau und Dämmung werden?
Jedes Gebäude ist ein Prototyp. Das ist eine der allerersten Lektionen im Bauingenieurwesen. Deshalb ist die Orientierung an Standards so wichtig. Sie beruhen auf bewährter Praxis. Genau das braucht das biobasierte Bauen. Einen Konsens über die beste Praxis, der den aktuellen Stand der Technik abbildet. Ein gemeinsames Maß für die Branche. Entscheidend für eine frühe Akzeptanz ist daher, anzuerkennen, was bereits erreicht wurde, und die Bereitschaft der frühen Marktteilnehmer, gemeinsam daran zu arbeiten, bewährte Praxis in einen Branchenstandard zu überführen.
Das würde helfen, die Vertrauensbarriere abzubauen, die den Einsatz biobasierter Materialien noch immer in einen experimentellen Rahmen stellt. Natürlich ist einerseits die Notwendigkeit zu experimentieren unbestreitbar. Doch wenn man diesem Rahmen auf Grundlage des vorhandenen Wissens und der experimentellen Basis Grenzen setzt, würde sich das damit verbundene Risiko verringern.
Biobasierte Materialien wurden auf Forschungsebene am unteren Ende der Skala der Technologiereifegrade (Technology Readiness Level, TRL) deutlich gründlicher untersucht als am oberen Ende, also in der Anwendungs- und Nutzungsphase. Gerade diese Phasen prägen die Baulandschaft, wie wir sie kennen. Mechanismen, die Industrieakteure motivieren, neue Materialien einzusetzen, und die die damit verbundenen Risiken abfedern, könnten einen fruchtbaren Boden dafür schaffen, dass biobasierte Materialien im großen Maßstab Anwendung finden.
Dass viele vielversprechende neue Materialien die Prototypphase erreichen, ihr Marktpotenzial aber nie entfalten, ist ein Phänomen, das auf dieselben Engpässe zurückgeht: fehlende Mittel, um weiter die Wissensbasis aufzubauen, die nötig ist, um neue Kunden zu gewinnen, das Fehlen eines Experimentierfelds, auf dem sich mehr als ein oder zwei Leuchtturmprojekte präsentieren lassen, und das Fehlen unterstützender Systeme innerhalb der Branche, die die bestehende Infrastruktur nutzen, damit neue Produkte auf den Markt kommen können.
Die Kosten für Forschung, Prüfung und Zertifizierung sind oft so hoch, dass es schwerfällt, die notwendigen Investitionen aufrechtzuerhalten, bis Marktreife und Volumen zusammenkommen. In einem Sektor, der durch Preis und Menge bestimmt wird, ist es fast naiv zu erwarten, dass neue Materialien konkurrenzfähig sind, während sie von Grund auf aufgebaut werden. Natürlich werden die Anfangskosten der neuen Materialien höher sein als die ihrer etablierten Gegenstücke. Die Produktionsmaschinen müssen entweder erst noch gebaut oder noch abgeschrieben werden, was diese Materialien von Beginn an weniger attraktiv macht. Eine Wachstumsförderung aus dem Sektor selbst kann in dieser Aufbauphase ein enormer Hebel zur Kostensenkung sein.
**Eine Wachstumsförderung aus dem Sektor selbst kann in dieser Aufbauphase ein enormer Hebel zur Kostensenkung sein. **
Ich persönlich plädiere für ein intensiveres praktisches Engagement der Industrie. Dafür braucht es eigene Ressourcen zur Klärung von Unsicherheiten, sichere Testumgebungen und Investitionsanreize, die die damit verbundenen Risiken abdecken.
In einer Branche, die von Tradition und gewachsener Glaubwürdigkeit geprägt ist, müssen biobasierte Materialien auf dieselben Gleise kommen. Es gibt keinen Umweg. Der Beschleuniger liegt in der Fähigkeit, Vertrauen und Raum zum Experimentieren zu schaffen, Mechanismen zur Risikominderung einzurichten, Umsetzungskapazitäten aufzubauen und entlang der gesamten Wertschöpfungskette Partnerschaften einzugehen.
Die Anstrengungen eines einzelnen Helden reichen nicht aus.